Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen
Das Bittgebet (Duʿā) und das Beten
Verfasser: Abdul Basir Sohaib Siddiqi
Datum der Neuveröffentlichung: 06.11.2025
Übersetzung: Tahleel Team
Einleitung
Das Bittgebet (Duʿā) prägt jeden Moment im Leben eines Muslims.
Es ist ein grundlegendes und wesentliches Element im geistigen und gesellschaftlichen Leben eines Gläubigen.
Das Duʿā reinigt die Seele, befreit den Geist von Trägheit und bringt Ruhe und Beständigkeit in eine sich ständig verändernde Welt.
Durch das Duʿā werden die Hände des Bedürftigen mit der Barmherzigkeit Allahs gefüllt.
Gerade in schwierigen Zeiten – wie während der globalen Krise durch das Coronavirus –
wird das Duʿā für einen Muslim noch wichtiger.
Zwei Synonyme für das Wort Duʿā
- Suʾāl (Bitten, Anfragen)
- Qunūt (demütiger Gehorsam und Hingabe)
Hadithe über das Duʿā
Der Prophet ﷺ sagte:
„Das Duʿā ist Anbetung.“
Und Allah, euer Herr, spricht: „Ruft Mich an, so werde Ich euch erhören.“
(Überliefert von Nuʿmān ibn Bashīr und Anas ibn Mālik, möge Allah mit beiden zufrieden sein.)
In einem weiteren Hadith, überliefert bei Tirmidhī, heißt es:
„Das Duʿā ist das Mark der Anbetung.“
Das bedeutet: Das Gebet ist nicht von der Anbetung getrennt – es ist ihr innerster Kern.
Sprachliche Bedeutungen des Wortes Duʿā
Bevor wir tiefer in die Bedeutung des Duʿā eintreten, ist es wichtig, seine sprachlichen Bedeutungen im Arabischen zu verstehen.
Das Wort Duʿā kann je nach Kontext viele Bedeutungen annehmen, darunter:
- Bitten oder Ersuchen
- Um Gutes von Allah bitten
- Für jemanden beten (Gutes wünschen)
- Gegen jemanden beten (verfluchen)
- Häufiges Beten (übertreibende Form)
- Jemanden grob stoßen (vgl. Qurʾān 107:2 – „Der den Waisen wegstößt“)
- Etwas Angenehmes herbeisehnen (z. B. einen guten Duft)
- Etwas benötigen (wie Kleidung, die ersetzt werden muss)
- Jemanden rufen oder herbeirufen
- Über einen Verstorbenen weinen
- Jemandem einen Namen geben
- Jemanden zu etwas einladen oder auffordern
- Zum Kampf oder zum Guten ermuntern
- Zum Gebet aufrufen
- Zum Glauben oder einer Religion aufrufen
- Menschen zum Essen oder zu einer Versammlung einladen
- Dringend bitten oder anflehen (Istidʿāʾ)
- Eine Anrufung oder Bitte an Allah (Substantivform)
Unterschiedliche Bedeutungen je nach Situation
Je nach Beziehung zwischen dem Bittenden und dem, an den sich die Bitte richtet, hat Duʿā drei Bedeutungen:
- Vom Niedrigeren zum Höheren (Mensch zu Allah):
Das bedeutet Bittgebet oder demütiges Ersuchen. - Vom Höheren zum Niedrigeren (Allah zu Seiner Schöpfung):
Das bedeutet Befehl. - Zwischen Gleichgestellten:
Das bedeutet Bitte oder Flehen.
Das Duʿā steht also zwischen der Vollkommenheit und Unabhängigkeit Allahs
und der Bedürftigkeit des Menschen – es ist das Band zwischen dem Reichen (Allah) und dem Armen (Mensch).
Bedeutung von Qunūt
Qunūt ist dem Duʿā ähnlich, schließt aber Demut, Unterwerfung, Standhaftigkeit und Gehorsam ein.
Erklärung der Hadithe
Der zweite Hadith – „Das Duʿā ist das Mark der Anbetung“ – wird inhaltlich als authentisch angesehen,
auch wenn seine Überlieferungskette schwächer ist.
Aus beiden Hadithen ergibt sich:
- Das Duʿā ist eine Form der Anbetung, die auf Bitten und Flehen beruht – und es führt zu einer göttlichen Antwort.
- Wenn gesagt wird, dass das Duʿā der Kern der Anbetung ist, bedeutet das:
Anbetung ohne Gebet ist leer und seelenlos.
Das Duʿā entsteht, wenn der Mensch seine eigene Ohnmacht und die Allmacht Allahs erkennt.
Es ist also eine bewusste Handlung, die Wissen, Demut und Glauben verbindet.
Philosophische Einwände gegen das Duʿā
Einige Philosophen vertreten die Ansicht, dass das Schicksal unveränderlich sei,
und daher das Duʿā keinen Nutzen habe.
Aristoteles zum Beispiel, beeinflusst von Platon, lehrte,
dass manche Menschen von Natur aus frei und andere von Natur aus Sklaven seien –
daraus folgert er, dass das Schicksal eines Menschen festgelegt ist.
Auch einige Religionen und mystische Strömungen, die von solchen Ideen beeinflusst sind,
meinen, dass das Bitten Allahs nicht notwendig sei,
denn Allah kenne bereits die Bedürfnisse Seiner Diener und gebe ohne, dass man Ihn bittet.
Das islamische Verständnis des Duʿā
Doch eine tiefere Betrachtung der menschlichen Existenz zeigt:
Auch wenn Allahs Großzügigkeit nicht von den Bitten des Menschen abhängt,
so ist das Duʿā doch ein Mittel zur Selbsterkenntnis und zur Bewusstwerdung der Beziehung zu Allah.
Der Mensch erkennt durch das Gebet seine eigenen Grenzen, seine Fähigkeiten und Schwächen,
und damit auch seine Abhängigkeit von Allah –
dieses Bewusstsein selbst ist eine Form des Wissens.
In der religiösen Terminologie sind die Lebensmöglichkeiten des Menschen die Vorsehung (Qadar).
Von einem Zustand in einen anderen überzugehen bedeutet,
von einem göttlichen Dekret zu einem anderen überzutreten.
Das Duʿā ist daher ein geistiges Feld,
in dem die Barmherzigkeit Allahs auf den Menschen herabkommt
und ihn von einem Zustand in einen besseren versetzt.
Auf dieser Ebene wirken verschiedene Formen göttlicher Eingebung:
- Allgemeine Inspiration (Ilhām ʿĀmm): Allen Menschen zugänglich.
- Besondere Inspiration (Ilhām Khāṣṣ): Den Freunden Allahs (Awliyāʾ) vorbehalten.
- Offenbarung (Waḥy): Nur für die Propheten bestimmt.
Die Bedeutung des Duʿā im Islam
Im Islam ist das Duʿā nicht bloß ein Bitten,
sondern ein zentraler Bestandteil des Glaubens.
Es ist eng mit dem ethischen, rechtlichen und erzieherischen System des Islam verbunden.
Viele Bittgebete wurden von Allah selbst den Propheten offenbart,
damit sie diese ihren Gemeinschaften lehrten.
Der edle Qurʾān, das letzte göttliche Buch, enthält zahlreiche Duʿās,
die in verschiedenen Lebenssituationen offenbart wurden.
Ebenso gibt es in der Sunna des Propheten ﷺ viele überlieferte Bittgebete (Duʿā al-Masnūn),
die den Menschen Bewusstsein und Erkenntnis vermitteln,
zum Tauḥīd (Einheit Gottes) führen
und auf dieser Grundlage moralische und rechtliche Lehren enthalten.
Die Wirkungen des Duʿā im Leben des Menschen
- Bewusstsein über die eigenen Fähigkeiten und Schwächen.
- Erkenntnis, dass der Mensch frei und verantwortlich ist.
- Festhalten an moralischen Gesetzen in Ethik und Recht.
- Entwicklung von Geduld und Ausdauer.
- Zufriedenheit zwischen Allah und Seinem Diener.
- Die Erscheinung der göttlichen Barmherzigkeit im Leben –
das ist die Liebe, durch die Allah dem Diener das gewährt,
was Er als gut für ihn weiß.
Übersetzung: Tahleel Team