Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen
Der Herrschende Verstand und der Dienende Verstand
Autor: Abdul Basir Sohaib Siddiqi
Veröffentlichungsdatum: 07.11.2025
Übersetzung durch das Tahleel-Team
Einleitung
Eine faszinierende Diskussion unter Theologen in der Geschichte drehte sich um die Frage, ob Unzucht (Zina) – also sexuelle Beziehungen ohne gesellschaftlich erlaubte Grenzen – auch rational verboten ist.
Mit anderen Worten: Ist Unzucht selbst ohne religiöse Vorschriften aus Sicht der Vernunft falsch?
Zwei bedeutende Rechtsgelehrte aus unterschiedlichen islamischen Rechtsschulen äußerten dazu gegensätzliche Ansichten:
- Imam Abu Bakr al-Jassas (hanafitische Schule)
- Imam al-Kiya al-Harrasi (schafiitische Schule)
Die Sichtweise von Imam al-Jassas
Imam al-Jassas (möge Allah ihm barmherzig sein) argumentierte, dass Unzucht auch aus rationaler Sicht verwerflich sei, da sie unvermeidlich negative Auswirkungen auf die Abstammung (Nasab), den Unterhalt der Kinder (Nafaqa) und die familiäre Verantwortung (Kafala) habe.
Er erklärte, dass das Trennen sexueller Lust von diesen moralischen und sozialen Verpflichtungen – im Hinblick auf das Wohl der Menschheit – unvernünftig sei.
Die Sichtweise von Imam al-Kiya al-Harrasi
Im Gegensatz dazu stellte Imam al-Kiya al-Harrasi (möge Allah ihm barmherzig sein) diese Argumentation infrage.
Er sagte, einige religiöse Gesetze basieren auf der Notwendigkeit, die Abstammung zu beweisen.
Doch wenn diese Gesetze nicht existierten, wäre die Feststellung der Abstammung nicht zwingend notwendig.
Er fragte: Wer wäre ohne religiöses Gesetz für die Erziehung und den Unterhalt eines Kindes verantwortlich?
Selbst wenn der Vater bekannt wäre, folge daraus nicht logisch, dass er den Unterhalt leisten müsse – dies sei allein durch das religiöse Gesetz festgelegt.
Daraus schlussfolgerte al-Harrasi:
Wenn kein göttliches Gesetz existiert, ist Unzucht aus rationaler Sicht nicht verwerflich, sondern grundsätzlich erlaubt, da einvernehmlicher Geschlechtsverkehr weder Mann noch Frau schadet oder ihnen Unrecht zufügt.
Er verwies zudem auf die arabische Gesellschaft vor dem Islam (Dschahiliyya), in der Unzucht und verschiedene Formen sexueller Beziehungen gesellschaftlich akzeptiert waren.
Verständnis durch die Lehre von zwei Arten des Verstandes
Der Gegensatz zwischen Imam al-Jassas und Imam al-Kiya al-Harrasi verdeutlicht die Bedeutung zweier Arten von Vernunft, wie sie der moderne arabische Philosoph Muhammad Abed al-Jabri – unter Bezugnahme auf den französischen Philosophen André Lalande – in seinem Werk „Die Bildung des arabischen Verstandes“ (Takwīn al-ʿAql al-ʿArabī) beschreibt.
Lalande unterschied zwischen:
- La raison constituante (der konstituierende Verstand)
- La raison constituée (der konstituierte Verstand)
Al-Jabri übersetzte diese Begriffe ins Arabische als:
- al-ʿaql al-fāʿil (der tätige oder dienende Verstand)
- al-ʿaql al-sāʾid (der herrschende Verstand)
Im Persischen oder Urdu werden sie oft bezeichnet als:
- ʿAql-e-Hakim (Herrschender Verstand)
- ʿAql-e-Khadim (Dienender Verstand)
Bedeutung der beiden Verstandesarten
- Herrschender Verstand (ʿAql-e-Hakim):
Umfasst alle grundlegenden Vorstellungen, Überzeugungen und Prinzipien, die in einer Gesellschaft oder Nation allgemein akzeptiert sind. - Dienender Verstand (ʿAql-e-Khadim):
Bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, innerhalb dieser akzeptierten Rahmenbedingungen zu denken und Schlussfolgerungen zu ziehen.
Mit anderen Worten: Der dienende Verstand ist die allgemeine menschliche Vernunft, die allen gemeinsam ist.
Der herrschende Verstand hingegen entsteht aus den besonderen Weltanschauungen, Überzeugungen und Erfahrungen einer Zivilisation.
Daher ist der dienende Verstand bei allen Menschen gleich, der herrschende Verstand jedoch von Kultur zu Kultur verschieden.
Wenn man also von griechischer Vernunft, islamischer Vernunft oder westlicher Vernunft spricht, ist jeweils der herrschende Verstand gemeint – also der geistige Rahmen, in dem Denken stattfindet.
Anwendung auf die Debatte über Unzucht
Mit diesem Verständnis wird klar:
- Imam al-Jassas versuchte, die moralische Verwerflichkeit von Unzucht auf der Ebene des dienenden Verstandes zu begründen – durch Argumente wie Schutz der Abstammung, Erhalt der Familie und Achtung der Verwandtschaftsbande. Diese Werte gehören bereits zum herrschenden Verstand seiner Gesellschaft.
- Imam al-Kiya al-Harrasi hingegen erhob die Frage auf die Ebene des herrschenden Verstandes:
„Wenn es kein göttliches Gesetz gäbe – welches Prinzip würde allein auf Grundlage der Vernunft verlangen, dass Abstammung und Familie notwendig für das Überleben der Menschheit sind?“
Wie sich der herrschende und dienende Verstand bilden
Lalande erklärte, dass der herrschende Verstand aus dem dienenden Verstand entsteht.
Eine Gemeinschaft nutzt ihre allgemeine Vernunft, Beobachtung und Erfahrung, um grundlegende Wahrheiten über Leben und Welt zu formulieren.
Diese Wahrheiten werden dann zum stabilen Rahmen (dem herrschenden Verstand), innerhalb dessen die Vernunft künftig arbeitet.
Ein passendes Beispiel ist das Gesetzgebungsverfahren:
Ein Parlament entwirft zunächst eine Verfassung (Grundrahmen) und erlässt danach Gesetze innerhalb dieses Rahmens.
So formt der dienende Verstand den herrschenden Verstand – und arbeitet anschließend innerhalb seiner Grenzen weiter.
Zwei wichtige Fragen
- Warum überhaupt zwischen beiden unterscheiden, wenn sie doch Teil derselben Vernunft sind?
Weil ihre Funktionen verschieden sind:
Der dienende Verstand denkt, prüft und zieht Schlüsse, während der herrschende Verstand feste Grundlagen schafft, die Denken leiten. - Auf welcher Basis entsteht der herrschende Verstand?
Der Mensch kann nicht ewig im Zweifel leben; sein Bewusstsein verlangt nach Antworten auf grundlegende Fragen zu Sinn, Moral und Existenz.
Die Überzeugungen, die sich daraus bilden, werden zum herrschenden Verstand.
Einige dieser Überzeugungen entstehen sofort, andere entwickeln sich im Laufe der Geschichte – etwa Glaube an das Unsichtbare, an göttlichen Willen, an Leben nach dem Tod usw.
Diese prägen über die Zeit das Denken einer Zivilisation.
Wissen, Offenbarung und Vernunft
Die entscheidende Frage lautet: Auf welche Quellen stützt sich der dienende Verstand bei der Bildung des herrschenden Verstandes?
- Beruht er nur auf Sinneserfahrung, Logik und Intuition?
- Oder spielt die göttliche Offenbarung (Wahy) eine Rolle?
Diese Frage steht im Zentrum der islamischen Theologie über das Verhältnis von Vernunft (ʿAql) und Offenbarung (Sharʿ).
Ein richtiges Verständnis des herrschenden und dienenden Verstandes kann helfen, alte Missverständnisse in diesem Bereich zu klären.
Gemeinsinn und praktische Vernunft
Hier kommt das Konzept des Gemeinsinns (Sensus communis) und der praktischen Vernunft (Phronesis) ins Spiel – besonders wichtig in der hanafitischen Rechtsschule, wo die praktische Vernunft viele rechtliche Begründungen liefert.
Vicos Humanismus
Der Philosoph Giambattista Vico verteidigte in De nostrorum temporum studiorum ratione den Humanismus gegen Jansenismus und Descartes.
Er betonte den Gemeinsinn (Sensus communis) und das Ideal der menschlichen Beredsamkeit (Eloquenz) als zentrale Bestandteile klassischer Rationalität.
In der Antike bedeutete gut sprechen sowohl rhetorisch schön als auch wahr sprechen.
Vico verband dies mit moralischem Denken und menschlicher Würde.
Vicos Humanismus und der Unterschied zum islamischen Denken
Vico sah eine Balance zwischen Gelehrsamkeit und praktischer Weisheit – ähnlich wie Aristoteles zwischen Sophia (theoretische Weisheit) und Phronesis (praktische Weisheit) unterschied.
Doch während der Humanismus moralische Erkenntnis auf dem Wahrscheinlichen gründet, beruht sie im islamischen Denken auf der Offenbarung der Wahrheit.
- In der islamischen Sichtweise drückt praktische Vernunft (Phronesis) feste moralische Wahrheiten aus, genährt von göttlicher Wahrheit.
- Im Humanismus speist sich der Gemeinsinn aus sozialer Erfahrung und Wahrscheinlichkeit.
Beide erkennen jedoch eine gemeinsame moralische Grundlage der Menschheit an.
Schlussfolgerung
Vico zeigte, dass Eloquenz und Gemeinsinn eine Art von Wissen hervorbringen, das nicht allein auf Logik basiert – sondern auf moralischer und erfahrener Erkenntnis.
Im Humanismus ist dies praktisches Wissen durch Erfahrung.
Im Islam ist es moralisches Wissen durch göttliche Wahrheit und menschliche Würde.
Daher ist die Förderung dieses gemeinsamen Verstandes oder kollektiven Bewusstseins entscheidend für ein sinnvolles, moralisches und harmonisches menschliches Leben.
Übersetzung durch das Tahleel-Team