Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen
Der herrschende und der dienende Verstand (Gemeinsinn) – Zweiter Teil
Der Gemeinsinn (Sensus Communis)
Verfasser: Abdul Basir Sohaib Siddiqi
Veröffentlichungsdatum: 08.11.2025
Übersetzung: Tahleel Team
Praktisches Wissen (Phronesis)
Das praktische Wissen, oder phronesis, ist eine andere Art des Wissens.
Das bedeutet, dass sein Ziel vor allem situativ ist – es bezieht sich auf konkrete Lebensumstände.
Es muss also die „Bedingungen“ in ihrer endlosen Vielfalt verstehen.
Nach Vico ist diese Art von Wissen nicht in ein logisches System des Beweisens eingebunden.
Sie dient nicht nur dazu, Einzelfälle unter allgemeine Regeln zu ordnen (Subsumption), was wir Urteilskraft nennen,
sondern sie ist tief mit moralischer Motivation und Tugend verbunden.
Diese moralische Dimension hat ihre Wurzeln in der Ethik des antiken Griechenlands, besonders in der stoischen Philosophie,
die wiederum auf den orphischen Lehren basiert – Lehren, die ursprünglich aus den offenbarten Traditionen östlicher Gesellschaften stammen,
aber im Verlauf der Geschichte verfälscht oder verändert wurden.
Moralisches Verständnis und Phronesis
Das moralische Verständnis einer konkreten Situation bedeutet, dass jedes Einzelfall-Urteil im Licht allgemeiner moralischer Ziele getroffen werden muss,
damit die richtige Entscheidung entsteht.
Dies setzt voraus, dass bereits ein ethisches Bewusstsein im Menschen vorhanden ist.
Für Aristoteles war die phronesis daher eine geistige und moralische Tugend.
Sie ist nicht bloß eine Fähigkeit (dynamis), sondern Ausdruck des moralischen Daseins des Menschen –
eine Tugend, die ohne andere moralische Tugenden nicht existieren kann, ebenso wie diese ohne sie nicht bestehen können.
Auch wenn diese Tugend hilft, zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem (erlaubt und nicht erlaubt) zu unterscheiden,
geht sie über bloße Klugheit oder praktische Weisheit hinaus.
Die Unterscheidung zwischen moralisch Richtigem und Falschem beruht auf begrifflicher und praktischer Eignung,
was zeigt, dass eine ethische Sichtweise immer vorausgesetzt wird.
Diese Idee entwickelte Aristoteles im Gegensatz zu Platons Idee des Guten,
und Vicos Berufung auf den Sensus Communis steht in dieser Tradition –
Ethik als gelebte Erfahrung, nicht als abstraktes Ideal.
Scholastische Philosophie und Gemeinsinn
In der scholastischen Philosophie wurde der Sensus Communis weiterentwickelt,
unter anderem durch Aristoteles’ Werk De Anima (Über die Seele) –
als jene Fähigkeit, die die äußeren Sinne vereint und ihre Eindrücke bewertet.
Für Vico bedeutet Sensus Communis jedoch etwas anderes:
Er ist das Gefühl des Richtigen und Guten, das in allen Menschen vorhanden ist.
Er ist kein Produkt der Geschichte – denn Geschichte ist partikular und hebt Unterschiede hervor –
während der Sensus Communis das zeitlose und gemeinsame moralische Bewusstsein der Menschheit ausdrückt.
Dieses Konzept erinnert an das Naturrecht, ähnlich dem stoischen Begriff koinai ennoiai (gemeinsame Begriffe),
der den moralischen Blick auf das Leben in der stoischen Ethik widerspiegelt.
Da die orphischen Lehren auf den göttlichen Offenbarungen der östlichen Völker beruhen,
bewahrt Vicos Sensus Communis Spuren dieser ursprünglichen geoffenbarten Weisheit.
Römische und griechische Perspektiven
Der Begriff Sensus Communis stammt nicht aus dem Griechischen
und ist nicht dasselbe wie dynamis koine, das Aristoteles in De Anima erwähnt.
Er hat eine tiefere moralische und soziale Bedeutung –
er steht für das Gleichgewicht und die Harmonie menschlicher Wahrnehmung und Beurteilung.
In Rom verstand man den Sensus Communis anders als in Griechenland.
Die Römer legten Wert auf Tradition, öffentliches Leben und gesellschaftliche Werte,
während die Griechen stärker abstrakt und theoretisch dachten.
Für Vico wird das moralische und historische Dasein des Menschen –
zugleich beständig und wandelbar – durch den Sensus Communis bestimmt.
Er ist eine positive moralische Erkenntnis, die den sozialen Geist des Menschen überzeitlich widerspiegelt
und das gemeinsame moralische Wesen der Menschheit offenbart.
Sensus Communis und Wahrheit
Geschichtliche Erkenntnis bedeutet nicht nur, das Zeugnis anderer zu übernehmen,
sondern auch, moralisch zu verstehen.
Wenn also Sensus Communis und Phronesis den „Wert der Wahrheit“ scheinbar mindern,
so ist das kein Angriff auf die Wahrheit – beide beruhen auf der Wahrheit selbst.
Ein genauer Blick in die Geschichte zeigt, dass Vorstellungen von Erlaubtem und Verbotenem
immer auf moralischem Denken basierten.
Allah, der Erhabene, schwört im Wal-‘Asr auf die Zeit –
als Zeichen, dass die Geschichte selbst ein Zeugnis der Wahrheit ist,
die durch den praktischen Verstand besser verstanden wird als durch reine Theorie.
Denker der Geschichte: Cicero, Bacon und Shaftesbury
Cicero sah die Geschichte als „Erinnerung des Lebens“ (Vita memoriae)
und betonte, dass menschliche Leidenschaften und Sehnsüchte
nicht allein durch abstrakte Vernunftgesetze gelenkt werden können.
Es braucht überzeugende Beispiele, und nur die Geschichte kann sie liefern.
Francis Bacon betrachtete das menschliche Leben als lebendiges Beispiel der Philosophie –
die Geschichte ist der Beweis der Gedanken durch Erfahrung.
So gibt es eine Art von Wissen, das sich ohne logischen Beweis selbst rechtfertigt –
das ist das Wissen des Gemeinsinns oder der praktischen Vernunft.
Im 18. Jahrhundert betonte Shaftesbury, wie zuvor Vico, die Bedeutung des Sensus Communis
und prägte damit das Denken der Aufklärung.
Er verband Sensus Communis mit intelligenter sozialer Heiterkeit und Witz (Wit und Humour) –
Ausdruck moralischer Sensibilität und menschlicher Verbundenheit.
Gemeinsinn als moralische und soziale Tugend
In der westlichen Geschichte wurde der Sensus Communis oft mit dem stoischen Naturgesetz in Verbindung gebracht.
Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich:
Er entspringt dem moralischen Bewusstsein des Menschen selbst –
einem Konzept, das aus den offenbarten östlichen Traditionen in den Westen gelangte,
insbesondere durch die orphischen Lehren.
Shaftesbury verstand den Sensus Communis als soziale Tugend –
nicht als natürliches Geschenk für alle,
sondern als Herzenshaltung, die moralisches Mitgefühl ausdrückt.
Für ihn war Witz und Humor kein bloßes Vergnügen,
sondern Ausdruck von Harmonie, Freundschaft und gegenseitigem Verständnis –
ein Zeichen des guten Lebens und der menschlichen Würde.
So wird Sensus Communis zu einer moralischen und sozialen Tugend mit metaphysischer Tiefe:
Er verkörpert Empathie, Mitgefühl und die ästhetische Einheit menschlicher Moralität –
jene Werte, die Menschen verbinden und der Menschheit selbst Bedeutung verleihen.
Übersetzung: Tahleel Team